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Fitness-Apps als Trainerersatz?

Spätestens seit der Corona-Pandemie und den damit verbunden Maßnahmen scheint ein Lösungsansatz die Digitalisierung zu sein. Nahezu inflationär werden diverse Maßnahmen mit einer „digitalen“ Alternative versehen. Auch bereits seit Jahren etablierte Tools wie Fitness-Apps sind hierbei hoch im Kurs. Sind diese Anwendungen ein Ersatz für die klassische „face-to-face“ Betreuung?

 

Fitness-Apps als Trainerersatz?

Seit Jahren werden in der Fitnessbranche diverse Betreuungssysteme entwickelt und etabliert. Generell ist im Sport der Trainer/die Trainerin eine Instanz und nicht wegzudenkende Größe. Seit jeher ist im Training die Betreuung durch Trainingspersonal eine absolute Notwendigkeit. In Zeiten des Bewegungsmangels mehr denn je! Dies haben diverse wissenschaftliche Studien untersucht.

Fehlt es an einer individuellen Abstimmung der Trainingsparameter, einer realistischen Zielbestimmung und der Einweisung, so werden wichtige Parameter zu Abstimmung der Dosierung und Anpassung des Programmes an den Kunden übergangen. Dies kann im negativsten Falle zu einer Überlastung oder Verletzung, in den allermeisten Fällen zu einem Ausbleiben von notwendigen Trainingsreizen und damit -effekten, führen. Diese Dosierungen sind im Trainingsverlauf im Sinne der Periodisierung und Zyklisierung stetig anzupassen, parallel zu den Anpassungen und damit Effekten des Trainings. Diese essenziellen Grundlagen sind durch eine professionelle Betreuung und Trainerleistung gegeben (Strohacker, Fazzino, Breslin & Xu, 2015; Mujika, Halson, Burke, Balagué & Farrow, 2018). Dies gilt nicht nur für die Trainingsprogrammerstellung, sondern im besonderen Maße für die Durchführung. Durch Feedback, motivationale Unterstützung und Trainingsbetreuung wird dies sichergestellt (Mazetti et al., 2000; McClaran, 2003).

 

Nutzen und Nutzbarkeit von Apps im Bereich der Trainerarbeit

Seit dem Zeitalter von Smartphone und YouTube haben sich alternative Betreuungs- und Unterstützungssysteme entwickelt. Allen voran Apps wie „freeletics“ oder „runtastic“ – auch diese Systeme sind Bestandteil diverser wissenschaftlicher Studien. Generell zeigen diese Studien einen gegebenen bzw. moderaten Effekt bzgl. App-modifizierter Interventionen, um Ernährung und körperliche Aktivität zu optimieren. Mehrdimensionale/-modale Interventionen (soziale Unterstützung/Trainerbetreuung) scheinen deutlich effektiver als die alleinige Verwendung einer App zu sein (Schoeppe et al, 2016). Die Verwendung von Programmen (Apps) sind v. a. dann effektiv(er), wenn die soziale Unterstützung gegeben ist und mögliche Unterhaltungs- und Visualisierungsoptionen gegeben sind.

 

Evidenz und Belege von App-gesteuertem Training

Einige Studien zeigen, dass v. a. Funktionen, welche die Effizienz der App verbessern (Bedienungsfreundlichkeit, Zeitersparnis, Direktzeit Feedback) und notwendige Informationen zur Dokumentation beinhalten (individuellen, personenbezogene Daten) notwendig sind. Vor allem die Unterstützung von professionellen Trainern ist essenziell (Zhao, et al., 2016) und somit immer noch das „non-plus-ultra“.

Obwohl die Anzahl der Studien in den letzten Jahren stetig ansteigt, ist die Evidenz bzgl. des Mehrwertes (Effektivität der gesundheitsbezogenen Outcome Parameter) von Apps schwach. Diese Tatsache unterstreicht die Notwendigkeit einer methodischen Evaluation zur Überprüfung der Anwendbarkeit und Effektivität im definierten Umfeld und die Verwendbarkeit zu beurteilen (Iribarren et al., 2021).

Die Studienlage zeigt, dass sowohl die Benutzung einer App, wie auch die Betreuung durch Trainer*innen Effekte erbringen.

Die App-Nutzung führt vor allem zu einer quantitativ geringen bzw. generellen Verbesserung/Erhöhung des Gesundheits- und Bewegungsverhaltens (Schoeppe, et al. 2016; Berlind, et al. 2020; Zhaoh, et al. 2016; Gabbialdini & Greitmeyer, 2018), wohingegen die Betreuung durch fachlich/methodisch/didaktisch versierte Trainer*innen einen deutlichen Mehrwert im Bereich der Qualität (Trainingseffekt/Differenzierung) ausweisen (Dias et al., 2017; Storer et al., 2012; Viera et al., 2020; Rustaden et al., 2017; Coutts et al., 2004; Rodriguez et al., 2019; Klain et al., 2015; McClaran et al., 2002; Ratamess et al., 2008; Mazetti et al., 2000). Es muss jedoch bedacht werden, dass eine alleinige Betrachtung des quantitativen Bewegungsverhaltens keine Aussage bzgl. eines Effektes ausmacht (Jefferey et al., 2018). Auch ist die Umsetzung von Bewegungsvorgaben (bspw. ACSM Leitlinien zur Bewegung) kein Indiz für ein effektives Training bzw. für eine erfolgreiche Befolgung eines nachhaltig gesunden Lebenswandels (Cotter et al., 2017). Quantität alleine ist kein Beweis für ein qualitatives und effektives Verhalten.

 

Individualisierung und zielgruppenspezifischer Einsatz

Vor allem Personen mit einem sehr geringen Bezug zu Aktivität (bspw. Übergewichtige) sind durch unpersönliche (auf Algorithmen basierende) Programme schwer zu erreichen und bzgl. eines nachhaltigen Aktivitätsverhaltens zu motivieren (Why, et al. 1996) – was vor allem bzgl. der eigenständigen Verwendung einer App zu bedenken ist.

Vor allem unter dem Aspekt der individuellen Trainingsdurchführung und vorherigen Trainingsplanung sind Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen zu nennen (Indikationen und Kontraindikationen) sowie Personen mit einem sehr spezifischen Trainingsbedarf (hohe Leistungslevel; Coutts et al., 2004), aber auch diejenigen, die bis dato kaum oder keine Bewegungs-/Trainingserfahrung aufweisen (Klain, et al. 2015; McClaran, et al. 2002).

Daher gilt es diese genannten Personengruppen zu identifizieren und individualisierte Konzepte zu erstellen. Des Weiteren wird durch mehrere Quellen auf die Notwendigkeit einer Bedienerfreundlichkeit und bedarfsgruppenorientierten Ausrichtung (Funktionalität etc.) verwiesen (Vinnikova, et al. 2020), womit der nachhaltige Nutzungsgrad verbessert werden könnte.

Letztendlich ist eine App immer so gut, wie die Informationen, mit der diese gespeist wird (Mann et al., 2018; Vinnikova et al., 2020; Zhaoh et al., 2016; Schoeppe et al., 2016), was vor allem bedeutet, dass eine fachkompetente Instanz diese Informationen erheben, auswerten und in die Trainingsplanung (und damit App) integrieren muss. Daher ist eine App als Werkzeug für einen Trainingsbetreuer (oder erfahrenen Anwender) zu verstehen, welches die Steuerung und Dokumentation des Trainingsprozesses erleichtert.

 

Fazit

Zusammenfassend sind Fitness-Apps für Neueinsteiger ohne eine Unterstützung (Schwerpunkt kommunikativ/aufklärend) ungeeignet, da diese weder Erfahrung mit optimal dosierter Aktivität, noch mit dem Umgang bzw. Nutzen einer App haben. Für Bewegungserfahrene ist die App dahingehend relevant, wenn die notwendige Spezifität (Übungsauswahl/Progressionen) gegeben ist bzw. hier eine App als Dokumentation hilfreich erscheint. Dieser Vorteil ist jedoch von den Informationen abhängig, die in die App eingepflegt werden.

Bezogen auf die Kommunikation und generelle Zusammenarbeit von Trainer*in und Nutzer*in kann eine App diese erleichtern und optimieren.

 

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Literaturauswahl:

Berglind, D., Yacaman-Mendez, D., Lavebratt, C., & Forsell, Y. (2020). The Effect of Smartphone Apps Versus Supervised Exercise on Physical Activity, Cardiorespiratory Fitness, and Body Composition Among Individuals With Mild-to-Moderate Mobility Disability: Randomized Controlled Trial. JMIR mHealth and uHealth8(2), e14615.

Cotter, J. A., Garver, M. J., Dinyer, T. K., Fairman, C. M., & Focht, B. C. (2017). Ratings of Perceived Exertion During Acute Resistance Exercise Performed at Imposed and Self-Selected Loads in Recreationally Trained Women. Journal of strength and conditioning research31(8), 2313–2318.

Coutts, A. J., Murphy, A. J., & Dascombe, B. J. (2004). Effect of direct supervision of a strength coach on measures of muscular strength and power in young rugby league players. Journal of strength and conditioning research18(2), 316–323.

Dias, M., Simão, R. F., Saavedra, F., & Ratamess, N. A. (2017). Influence of a Personal Trainer on Self-selected Loading During Resistance Exercise. Journal of strength and conditioning research31(7), 1925–1930.

Gabbiadini, A., & Greitemeyer, T. (2019). Fitness mobile apps positively affect attitudes, perceived behavioral control and physical activities. The Journal of sports medicine and physical fitness59(3), 407–414.

Iribarren, S. J., Akande, T. O., Kamp, K. J., Barry, D., Kader, Y. G., & Suelzer, E. (2021). Effectiveness of Mobile Apps to Promote Health and Manage Disease: Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. JMIR mHealth and uHealth9 (1), e21563.

Jeffery, R. W., Wing, R. R., Thorson, C., & Burton, L. R. (1998). Use of personal trainers and financial incentives to increase exercise in a behavioral weight-loss program. Journal of consulting and clinical psychology66(5), 777–783.

Klain, I. P., de Matos, D. G., Leitão, J. C., Cid, L., & Moutão, J. (2015). Self-Determination and Physical Exercise Adherence in the Contexts of Fitness Academies and Personal Training. Journal of human kinetics, 46, 241–249.

Mazzetti, S. A., Kraemer, W. J., Volek, J. S., Duncan, N. D., Ratamess, N. A., Gómez, A. L. et al. (2000). The influence of direct supervision of resistance training on strength performance. Medicine and science in sports and exercise, 32 (6), 1175–1184.

McClaran, S. R. (2003). The effectiveness of personal training on changing attitudes towards physical activity. Journal of sports science & medicine, 2 (1), 10–14.

Mujika, I., Halson, S., Burke, L. M., Balagué, G. & Farrow, D. (2018). An Integrated, Multifactorial Approach to Periodization for Optimal Performance in Individual and Team Sports. International Journal of Sports Physiology and Performance, 13 (5), 538–561.

Ratamess, N. A., Faigenbaum, A. D., Hoffman, J. R., & Kang, J. (2008). Self-selected resistance training intensity in healthy women: the influence of a personal trainer. Journal of strength and conditioning research22(1), 103–111.

Rodrigues, F., Teixeira, D. S., Neiva, H. P., Cid, L., & Monteiro, D. (2020). Understanding Exercise Adherence: The Predictability of Past Experience and Motivational Determinants. Brain sciences10(2), 98.

Rustaden, A. M., Haakstad, L., Paulsen, G., & Bø, K. (2017). Effects of BodyPump and resistance training with and without a personal trainer on muscle strength and body composition in overweight and obese women-A randomised controlled trial. Obesity research & clinical practice11(6), 728–739.

Schoeppe, S., Alley, S, Van Lippevelde, W., Bray, N., Williams, S., Duncan, M., Vandelanotte, C.  (2016) Efficacy of interventions that use apps to improve diet, physical activity and sedentary behaviour: a systematic review. International Journal of Behavioural Nutrition and Physical Activity 13(1), 127.

Strohacker, K., Fazzino, D., Breslin, W. L. & Xu, X. (2015). The use of periodization in exercise prescriptions for inactive adults: A systematic review. Preventive medicine reports, 2, 385–396.

Vinnikova, A., Lu, L., Wei, J., Fang, G., & Yan, J. (2020). The Use of Smartphone Fitness Applications: The Role of Self-Efficacy and Self-Regulation. International journal of environmental research and public health17(20), 7639.

Wing, R. R., Jeffery, R. W., Pronk, N., & Hellerstedt, W. L. (1996). Effects of a personal trainer and financial incentives on exercise adherence in overweight women in a behavioral weight loss program. Obesity research4(5), 457–462.

Zhao, J., Freeman, B., & Li, M. (2016). Can Mobile Phone Apps Influence People's Health Behavior Change? An Evidence Review. Journal of medical Internet research18 (11), e287.